Guernica

Pablo Picasso
(1881 - 1973)

Öl auf Leinwand,  349,3 x 776,6 cm

Im  Juli 1936  Brach in Spanien der Bürgerkrieg aus. 1937 erteilte die Regierung an Picasso den Auftrag, ein Gemälde für den Spanischen Pavillon in Paris zu malen. 
Im April 1937 wurde das nordspanische Städtchen Guernica von Luftstreitkräften der Verbündeten des Generals und Diktators Franco bombardiert. Die erste totale Vernichtung mit modernen Kriegsmitteln erfüllte die Welt mit Entsetzen. Aus erbittertem Protest gegen die Hinmetzelung einer wehr- und schutzlosen Bevölkerung, aus Anklage gegen den technisierten Massenmord, erwuchsen in Picasso die Ideen zu diesem Bild, das mahnend den Namen der geschlachteten Stadt trägt: Guernica.
Das Gemälde ist mehrfach beleuchtet: In der Mitte hängt das kalte Licht einer Glühlampe, deren Schein so verkürzt ist, dass er die Form eines Auges annimmt; weil es über allem schwebt, fühlt man sich an das Auge Gottes erinnert. Von diesem Zentrum aus senkt sich ein Strahlendreieck nach rechts und fällt auf jenes Gesicht, das in äußerster Verzweiflung und Verwirrung aufblickt. Die Figur ist verkümmert, gnomenhaft - Zerrbild des Menschen, der von unerträglichen Schrecken gepeinigt wird. Diese Figur stürzt sich hilfeheischend dem -Licht entgegen, geblendet, hoffnungsvoll - und vergeblich. 
Am rechten Bildrand wird eine Frau marionettenartig hochgerissen und zugleich in einen Abgrund geschleudert, von dem nur der Rand sichtbar ist. Es erinnert an tödliches Mündungsfeuer. Darüber flammen vier Dreiecke auf - die Zahl vier gehört als Symbolzahl der Apokalypse an. 
Links von dieser Katastrophe schwebt ein Kopf - hell, strahlend, stark - furchtbar wie ein Racheengel. Unter dem Auge windet sich in tiefster Bedrängnis das Pferd, das seiner Vernichtung entgegensieht. Aus dem aufgerissenen Maul ragt die Zunge, deren Spitze die Form einer Granate annehmen musste, vergleichbar dem Stachel als Zeichen des unabwendbaren Schmerzes. 
Unter dem Pferd, dessen Schweif einer züngelnden Flamme gleicht, liegt ein gestürzter Krieger in der Haltung des Gekreuzigten; seine Rechte umklammert ein zerbrochenes Schwert, uraltes Zeichen der endgültigen Niederlage. Der Kopf zeigt das berühmte Augenpaar, das immer wieder die verständnislose Belustigung ungezählter Betrachter erweckt. Diese Augen sind verschoben, sie sind ver-rückt. Was sie wahrnehmen ist also verrückt. Dieser Mensch kann das Ereignis, das ihn überwältigt hat, nicht mehr fassen - ihm sind die Augen übergegangen. 
In Guernica haben Stier, Krieger und Engel ein ähnliches Erscheinungsbild. Darin weist sich ihre innere Zusammengehörigkeit aus. Diese Figuren Picassos sind stellvertretend für Millionen. Der gestürzte Krieger ist verkümmert. Wir wissen, wie Menschen in Konzentrationslagern verkümmerten, als Sachen behandelt und verarbeitet, deformiert und vergewaltigt wurden. Dieser Krieger ist nicht mehr als Mensch gebildet. Der Aufbau des Bildes erinnert an ein Theater, gepaart mit dumpfer Ahnung von Gefängnis. 
Über dem Arm des Kriegers schwebt eine Frau; sie hält ihr zerfetztes Kind in den Armen und schreit mit hochgerecktem Kopf zu Stier empor, dessen Auge aber über den Betrachter hinweg in eine unfassbare Ferne gleitet. Der Schwanz des Stieres ist buschig erhoben, er erinnert an eine Fackel - die Fackel des Krieges. Rechts von ihm hüpft ein Vogel, Symbol der Befruchtung, durchschnitten von einem weißglühenden Granatsplitter. Unter dem Pferd und über seinem gestürzten Reiter steht unversehrt eine Blume, ein Rest Natur inmitten der Vernichtung als wage Hoffung, dass och etwas überleben wird. 
Guernica ist das erste politische Bild des 20. Jahrhunderts. Es ist ein Gefallenendenkmal, das die Opfer nicht anerkennt, sondern das erbittert dagegen protestiert - im Namen der Menschlichkeit mit den Mitteln der Kunst.