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Im Juli 1936 Brach
in Spanien der Bürgerkrieg aus. 1937 erteilte die Regierung an Picasso
den Auftrag, ein Gemälde für den Spanischen Pavillon in Paris zu
malen.
Im April 1937 wurde das nordspanische Städtchen Guernica von
Luftstreitkräften der Verbündeten des Generals und Diktators Franco
bombardiert. Die erste totale Vernichtung mit modernen Kriegsmitteln
erfüllte die Welt mit Entsetzen. Aus erbittertem Protest gegen die
Hinmetzelung einer wehr- und schutzlosen Bevölkerung, aus Anklage gegen
den technisierten Massenmord, erwuchsen in Picasso die Ideen zu diesem
Bild, das mahnend den Namen der geschlachteten Stadt trägt: Guernica.
Das Gemälde ist mehrfach beleuchtet: In der Mitte hängt das kalte Licht
einer Glühlampe, deren Schein so verkürzt ist, dass er die Form eines
Auges annimmt; weil es über allem schwebt, fühlt man sich an das Auge
Gottes erinnert. Von diesem Zentrum aus senkt sich ein Strahlendreieck
nach rechts und fällt auf jenes Gesicht, das in äußerster Verzweiflung
und Verwirrung aufblickt. Die Figur ist verkümmert, gnomenhaft - Zerrbild
des Menschen, der von unerträglichen Schrecken gepeinigt wird. Diese
Figur stürzt sich hilfeheischend dem -Licht entgegen, geblendet,
hoffnungsvoll - und vergeblich.
Am rechten Bildrand wird eine Frau marionettenartig hochgerissen und
zugleich in einen Abgrund geschleudert, von dem nur der Rand sichtbar ist.
Es erinnert an tödliches Mündungsfeuer. Darüber flammen vier Dreiecke
auf - die Zahl vier gehört als Symbolzahl der Apokalypse an.
Links von dieser Katastrophe schwebt ein Kopf - hell, strahlend, stark - furchtbar
wie ein Racheengel. Unter dem Auge windet sich in tiefster Bedrängnis das
Pferd, das seiner Vernichtung entgegensieht. Aus dem aufgerissenen Maul
ragt die Zunge, deren Spitze die Form einer Granate annehmen musste,
vergleichbar dem Stachel als Zeichen des unabwendbaren Schmerzes.
Unter dem Pferd, dessen Schweif einer züngelnden Flamme gleicht, liegt
ein gestürzter Krieger in der Haltung des Gekreuzigten; seine Rechte
umklammert ein zerbrochenes Schwert, uraltes Zeichen der endgültigen
Niederlage. Der Kopf zeigt das berühmte Augenpaar, das immer wieder die
verständnislose Belustigung ungezählter Betrachter erweckt. Diese Augen
sind verschoben, sie sind ver-rückt. Was sie wahrnehmen ist also
verrückt. Dieser Mensch kann das Ereignis, das ihn überwältigt hat,
nicht mehr fassen - ihm sind die Augen übergegangen.
In Guernica haben Stier, Krieger und Engel ein ähnliches
Erscheinungsbild. Darin weist sich ihre innere Zusammengehörigkeit aus.
Diese Figuren Picassos sind stellvertretend für Millionen. Der gestürzte
Krieger ist verkümmert. Wir wissen, wie Menschen in Konzentrationslagern
verkümmerten, als Sachen behandelt und verarbeitet, deformiert und
vergewaltigt wurden. Dieser Krieger ist nicht mehr als Mensch gebildet.
Der Aufbau des Bildes erinnert an ein Theater, gepaart mit dumpfer Ahnung
von Gefängnis.
Über dem Arm des Kriegers schwebt eine Frau; sie hält ihr zerfetztes
Kind in den Armen und schreit mit hochgerecktem Kopf zu Stier empor,
dessen Auge aber über den Betrachter hinweg in eine unfassbare Ferne
gleitet. Der Schwanz des Stieres ist buschig erhoben, er erinnert an eine
Fackel - die Fackel des Krieges. Rechts von ihm hüpft ein Vogel, Symbol
der Befruchtung, durchschnitten von einem weißglühenden Granatsplitter.
Unter dem Pferd und über seinem gestürzten Reiter steht unversehrt eine Blume,
ein Rest Natur inmitten der Vernichtung als wage Hoffung, dass och etwas
überleben wird.
Guernica ist das erste politische Bild des 20. Jahrhunderts. Es ist ein Gefallenendenkmal,
das die Opfer nicht anerkennt, sondern das erbittert dagegen protestiert -
im Namen der Menschlichkeit mit den Mitteln der Kunst. |