Filmische Mittel zur Verdichtung der Illusion

Darstellungen können durch (bestimmte Formen der) Visualisierung an gestalterischer Dichte und an Überzeugungskraft gewinnen. Alle diese Mittel zur Verdichtung der Illusion dienen dazu, den Standpunkt des Zuschauers zum Geschehen zu verändern; und zwar derart, dass entweder seine Perspektive erweitert wird, um ihm tiefere Einblicke in die Gesamthandlung zu geben, oder dass die Perspektive subjektiviert wird, um die Identifikation mit einer bestimmten Figur der Handlung zu verstärken.


Die Rückblende
Ein Beispiel für die besondere Überzeugungskraft visueller Darstellungen ist das erzählerische Verfahren der Rückblende im Film.
In einer Rückblende werden bestimmte Teile der Handlung, die bereits in der Vergangenheit liegen, aber für das Gesamtgeschehen von Bedeutung sind, von einer Figur des Films für den Zuschauer nacherzählt. Dabei läuft das betreffende Geschehen als eingeschobener Film vor unseren Augen ab. Die Rückblende ist damit ein Mittel, die Perspektive des Zuschauers zu erweitern, indem ihm Teile des Gesamtzusammenhangs zugänglich gemacht werden, die er eigentlich "verpasst" hat und daher sonst nicht wissen könnte.

Es ist z.B. ein typisches Motiv in Kriminalfilmen, dass ein Zeuge oder eine verdächtige Person von der Polizei über bestimmte Details des in der Handlung vorliegenden Kriminalfalls befragt oder verhört wird. Meist ist dabei die Kamera zunächst über längere Zeit auf das Gesicht der befragten Person gerichtet, die wir als Zuschauer gleichzeitig sprechen hören und sehen. In einem solchen Fall lauschen wir vorrangig den Worten der Person, die das eigentlich wichtige Geschehen mündlich berichtet, während das Bild mit dem Gesicht vorwiegend dazu dient, die Person des Mittlers in der Aufmerksamkeit des Publikums zu halten. Das Geschehen, dem die Hauptaufmerksamkeit gilt, ist also bisher noch nicht visualisiert. Visualisiert ist dagegen die Instanz des Mittlers, der persönlich für die Wahrheit seines Berichts einsteht. Während wir der Schilderung aufmerksam folgen, benutzen wir das Bild des Sprechenden vor allem dazu, Anzeichen von inhaltlicher oder charakterlicher Sicherheit bzw. Unsicherheit, von Nervosität, Übertreibung, Beschönigung, Verfälschung oder Ähnlichem zu finden; Zeichen also, die es uns erleichtern sollen, den Wahrheitswert der Aussagen einzuschätzen. Mit anderen Worten: Wir vertrauen dem Zeugen oder Verdächtigen keineswegs, sondern wir rechnen um so mehr mit der Möglichkeit, dass er lügen oder sich irren könnte, je unzuverlässiger er durch die bisher bekannten Fakten und sein momentanes Auftreten erscheint. Das Misstrauen gegenüber den Worten eines anderen ist in diesem Fall sicher wesentlich durch die Tradition des Kriminalromans und -films geprägt. Es wird darüber hinaus aber auch durch unsere eigenen Erfahrungen gerechtfertigt, denn wir sind auch im täglichen Leben schon öfter auf Lügen und Irrtümer hereingefallen.

Die Bildteilung
Die Bildteilung ist ein visueller Effekt, bei dem die Bildschirmoberfläche plötzlich in zwei oder mehr Teile geteilt wird, damit zwei oder mehr Stränge der Handlung gleichzeitig nebeneinander auf dem Bildschirm ablaufen können. Dies geschieht zum Beispiel, indem in der Mitte ein vertikaler Strich gezogen wird, so dass wir nun eine linke und eine rechte Hälfte haben, oder auch durch andere Formen der Teilung.  Der Zweck dieses Verfahrens ist der, dass der Zuschauer zwei verschiedene, miteinander zusammenhängende Ereignisse, die an verschiedenen Orten ablaufen, gleichzeitig verfolgen kann. Entscheidend ist hierbei, dass die handelnden Figuren sich in der Regel eines gemeinsamen Mediums bedienen: eines Telefons, eines Radios, einer Kamera, einer Türklingel, oder sonst eines Zeichensystems, durch das der beiden Handlungsstränge verbunden sind. Durch die Bildteilung wird der Zuschauer in die Lage versetzt, Zusammenhänge wie Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion, Zug und Gegenzug o. Ä. in ihrem Zusammenwirken zu beobachten. Dies bedeutet eine ganz erhebliche Erweiterung seiner Perspektive, da er gewissermaßen einen und denselben Vorgang von zwei Seiten zugleich sehen kann, was die handelnden Figuren selbst nicht können. Der Zuschauer erhält somit eine überlegene Position.

Die subjektive Kamera
Die subjektive Kamera ist ein filmisches Mittel von einschneidender Wirkung, welches dem Zuschauer die subjektive Perspektive einer Figur der Handlung, meist eines Hauptdarstellers, aufzwingt. Wir sehen die Welt mit seinen Augen, d.h. die Kamera versucht die Umwelt der Figur so zu filmen, wie diese sie mit ihren Augen sehen würde: in Bewegung und auf den Ausschnitt begrenzt, der ihrem Gesichtsfeld entspricht. Das hat unter anderem zur Folge, dass der Zuschauer den Hauptdarsteller nicht sehen kann, weil er gewissermaßen in ihm 'drinsteckt'. Die Figur ist somit nur virtuell vorhanden, manchmal sehen wir seine/unsere Hände oder Beine, wenn sie in sein/unser Gesichtsfeld geraten. Außerdem kann es bei dieser Technik passieren, dass bestimmte Ereignisse außerhalb seines/unseres Gesichtsfeldes geschehen. Wenn ihn/uns z.B. eine andere Figur von hinten oder von der Seite anspricht, müssen wir uns erst nach ihr 'umdrehen', d.h. die Kamera schwenkt so weit herum, bis die andere Figur ins Bild kommt. In der Regel werden nur bestimmte Sequenzen eines Films, die sich aus optischen Gründen dafür eignen, auf diese Weise dargestellt, weil diese Form der Darstellung auf Dauer zu sehr gegen unsere Sehgewohnheiten verstößt. 

Die Guckloch-Perspektive
Die Guckloch-Perspektive ist strenggenommen ein Sonderfall der subjektiven Kamera und der Bildteilung, erscheint jedoch für den Betrachter als ein eigener visueller Effekt. Dabei wird der Bildschirmausschnitt, in dem die Handlung abläuft, durch eine ihn umgrenzende, meist schwarze Formmaske verengt. Beim Zuschauer wird so die Illusion erzeugt, als sähe er mit den Augen einer bestimmten Figur die gezeigte Handlung durch ein Guckloch, also etwa durch ein Fernglas, einen Tunnel oder dergleichen. Entsprechend der Formmaske erhält der Bildschirmausschnitt nun die Form des Gucklochs, d.h. des Fernglases, Tunnels usw.
Die Wirkung der Guckloch-Perspektive ist eine doppelte: Zum einen wird der Zuschauer wie bei der subjektiven Kamera dazu genötigt, durch die Augen einer Figur zu sehen, wodurch für die Dauer des Effekts die Identifikation mit ihr erzwungen wird. Zum anderen wird durch die schwarze Formmaske, welche das Sichtfeld begrenzt, die Tatsache explizit und unmittelbar ins Bewusstsein gerückt, dass das gezeigte Geschehen nicht ´einfach so´ geschieht, sondern, dass es von einer Figur/von uns gesehen wird. Das Gesamtbild zeigt nun zwei Ebenen zugleich, nämlich die innere Ebene des Geschehens, repräsentiert durch die aktuell ablaufende Handlung, und die äußere Ebene des Beobachters, repräsentiert durch die umgrenzende Formmaske. Dies ist der eigentliche Punkt, durch welchen sich die Guckloch-Perspektive von der subjektiven Kamera unterscheidet: Da sich die subjektive Kamera im wesentlichen nur durch eine besonders bewegte Kameraführung auszeichnet, ist dem Bild selbst (und zumal dem Einzelbild) nicht anzusehen, dass eine subjektive Perspektive vorliegt.

Das Traumbild bzw. Seelenbild
Das Traumbild bzw. Seelenbild ist insofern ein weiterer Sonderfall subjektiver Kamera, als der Zuschauer dadurch wiederum in eine Figur der Handlung hineinversetzt wird und auf diese Weise sieht, was die Figur sieht. Aber im Unterschied zur subjektiven Kamera sieht der Zuschauer hier mit den Augen, was die Figur im Innern ihrer Seele sieht bzw. fühlt, und dabei geht es weniger darum, das Erlebnis einer optischen Wahrnehmung auf den Zuschauer zu übertragen, als darum, ihm einen Zugang zur Gefühlswelt der Figur zu öffnen. Es handelt sich also um einen Akt echter Visualisierung in dem Sinne, dass etwas bisher Unsichtbares sichtbar gemacht wird. Die Seelenbilder sind damit keine Abbilder realer Objekte, sondern bildhafte Symbole für unsichtbare Objekte.

 

Quelle: www2.rz.hu-berlin.de/visuelle