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Werbung für Eiscreme aus dem
„Spiegel", Heft 15 (1998):
"Ich teile vieles. Aber nicht alles." |
Werbeanzeigen in Printmedien (Zeitungen und Zeitschriften)
werden in der Regel nur wenige Sekunden wahrgenommen. Aufgrund dieser
zeitlichen Begrenzung muss Werbung besonders ökonomisch mit
kommunikativen Mitteln umgehen. Mitunter wird der Text einer Werbeanzeige
gar nicht erst gelesen. Und zweifellos bilden die visuellen
Gestaltungsmittel das Schwergewicht, wenn heutzutage eine Werbeanzeige
entworfen wird. Die Textanalyse muss bei der folgenden Werbung für
Eiscreme schon deshalb knapp ausfallen, weil sie nun nicht viel Text
bietet. Daher konzentriert sich die Analyse insbesondere auf bildliche
Elemente:
Im Jahre 1998 schaltete die Firma "Langnese", Herstellerin von
Tiefkühlprodukten, die links abgebildete ganzseitige, vierfarbige
Werbeanzeige im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", um auf eine
neue Produktvariante der Marke "Magnum" aufmerksam zu machen.
Unter einer Produktvariante versteht man ein Produkt, das bereits am Markt
eingeführt ist, aber durch neue Eigenschaften verändert und angeboten
wird. In diesem Fall war das Produkt "Magnum" bereits am Markt
eingeführt, wurde nun jedoch um eine Variation namens "after dinner"
ergänzt.
Der Produktname "Magnum" war im Erscheinungsjahr 1998 bekannt,
neu jedoch der Zusatz "after Dinner". Der neue Produktname
"Magnum after Dinner" steht zwar unter dem Text, ist aber durch
die Schriftgestaltung dennoch als Überschrift zu verstehen. Das Logo des
Herstellers schließlich ist links unten platziert
Zunächst nimmt man bei Betrachtung der Abbildung die Attraktivität der
Frau neben dem makellosen Produkt wahr. Man sieht eine junge hübsche
Frau, die in ihrer rechten Hand ein angebissenes Eis hält, wobei sie die
Hand vor dem Körper zur linken Seite des Gesichts führt. Die Frau schaut
nach links und hat den Mund leicht geöffnet. Die Abbildung ist braun,
ocker bis ockergelb und hautfarben gehalten; die Augen der Frau sind blau.
Es handelt sich also insgesamt um warme Farben, wobei die kalten blauen
Augen, die abweisende Hand- und Armbewegung und der kühle Ausdruck im
Gesicht der Frau einen Gegensatz hierzu bilden.
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Vergleichen wir einmal die Frau in der "Magnum"-Werbung mit der
Abbildung aus einer Hausgeräte-Werbung:
Sie stammt von einem namenhaften bundesdeutschen Hausgerätehersteller und
ist aus den fünfziger Jahren. Neben den zeitlich bedingten Unterschieden
im Hinblick auf Kleidung und Frisur wird auch eine gänzlich andere
gesellschaftliche Rolle der Frau deutlich, die sich insbesondere in Körperhaltung
und Mimik ausdrückt: Indem die Dame aus den fünfziger Jahren ihre Freude
über das neue Hausgerät mit Blickrichtung zur Kamera zeigt, macht sie
zugleich deutlich, dass sie sich für Hausarbeit zuständig fühlt und in
ihrer Rolle aufgeht. Die Abbildung in der "Magnum"-Werbung
hingegen hebt das Selbstbewusstsein einer modernen Frau hervor, das durch
den besonderen Blick ausgedrückt wird. Ihr Blick ist nun nicht in die
Kamera gerichtet, sondern erspäht mit eher kritischem bis sinnlichem
Ausdruck die eigene Umgebung. Sie scheint jemanden anzusehen bzw.
anzusprechen. Sie selbst - so unterstellt der Betrachter - ist es, die den
Text spricht und einer imaginären Person zu sagen scheint: "Ich
teile vieles. Aber nicht alles." Der Text ist in Höhe des Gesichts
platziert, er wird der Frau quasi in den Mund gelegt, wobei das Wort
"alles" durch Kursivdruck hervorgehoben ist. Als progressive und
emanzipierte Frau ist sie bereit, vieles zu teilen, aber diesen Genuss
will sie für sich behalten.
Im Vordergrund stehen das Werbeziel "Bekanntmachung des
Produkts" und die Strategie der Überredung des Betrachters mittels
der Botschaft "Produkt X ist begehrenswert". Die Sinnlichkeit
der abgebildeten Frau wird hierbei in Zusammenhang gebracht mit einer
Situation, in der die Frau das umworbene Eis verzehrt. Es wird durch die
textarme Anzeige insgesamt also weniger sachlich als vielmehr emotional
orientiert gearbeitet. Sachliche Gründe für einen Kauf des Produkts
werden genau genommen gar nicht angeführt.
Mit der Anzeige sollen deutlich Bedürfnisse und Wunschvorstellungen des
Menschen instrumentalisiert werden, die nun weniger den Nahrungstrieb als
vielmehr den Sexualtrieb ansprechen. So wird dem Verbraucher eher ein
erotisches Erlebnis als ein bloßes Lebensmittel angepriesen. Ferner wird
nicht so sehr der Geselligkeits-, sondern eher der Freiheitstrieb
hervorgehoben, denn die Werbung zielt augenscheinlich nicht auf eine
soziale Gruppe ab. Angesprochen wird der Einzelne, der es vorzieht,
individuell zu handeln und zu genießen ("Ich..."). Zwar
assoziiert der Betrachter beim Lesen des Textes die christliche
Vorstellung, mit dem Nächsten Hab und Gut zu teilen. Doch wird eben diese
Vorstellung durch den zweiten Satz "Aber nicht alles." bewusst
in Frage gestellt. Und in der Tat haben in der westlichen
Leistungsgesellschaft Individualität, gar Egoismus einen hohen
Stellenwert. Die Eigenschaften "individuell" und
"ich-bezogen" werden denn auch als positive Verhaltensmuster
herausgestellt.
Die angesprochen Zielgruppe lässt sich hieraus wie folgt ableiten: Es
handelt sich um überwiegend junge potentielle Konsumenten im Alter von
ca. 15 bis 45 Jahren, die diesen Verhaltensmustern gegenüber
aufgeschlossen ist. Durch die Betonung dieser Eigenschaften glaubt der
Hersteller des Produkts, die Zielgruppe tatsächlich anzusprechen.
Hinsichtlich der sprachlichen Mittel lassen sich folgende Feststellungen
treffen: Die Werbung enthält kurze Aussagesätze (Hauptsätze), die den
Betrachter ermutigen sollen, das dargestellte Verhalten zu imitieren.
Somit haben sie Appellcharakter. Dabei lenkt der zweite Hauptsatz -
eingeleitet durch die Konjunktion "aber" - die Aufmerksamkeit
des Betrachters. Die Wendung "Aber nicht alles." wirft nämlich
die Frage auf, was denn dieses Verhalten der Frau veranlasst. Die
abgebildete Packung, in der ein Stückchen des Produkts fehlt, macht
deutlich, dass sich die Aussage auf die Eiscreme bezieht. Der Betrachter
stellt unweigerlich eine Verbindung zwischen Text und Bild her. Durch die
sprachliche Verknappung wird die Argumentationsstrategie folglich geradezu
unterstützt. Und indem in der abgebildeten Packung ein Stückchen Eis,
das die Frau in der Hand hält, fehlt, wird die Appell an den Betrachter
unterstrichen, ebenfalls zuzugreifen: Er soll das Produkt kaufen.
Aus gesellschaftspolitischer Sicht ist kritisch anzumerken, dass die
Werbung auf das Klischee der starken und attraktiven Frau anspielt, das
bereits in vielfacher Weise von der Werbung aufgegriffen wurde. Insofern
befördert die Darstellung gängige Vorstellungen einer idealtypischen
Frau heutiger Zeit. Diesen Vorstellungen werden jedoch wahrlich nicht alle
Frauen gerecht. Die durch die Werbung vermittelte Individualität wird
hierdurch wieder aufgehoben.
Da die Kleidung der abgebildeten Frau die gleiche Farbe aufweist wie das
mit Schokolade überzogene Produkt selbst, werden - eher unbewusst - die
Frau und das angepriesene Produkt gleichgesetzt.
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